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remus Web-Dok. 5/2001

"Das Internet als Chance und Bedrohung - ein Orientierungsversuch"

Vorträge

Die Qualifizierung von Internet-Inhalten (Content-Labeling)

- Josef Dietl, Mitglied des World Wide Web Consortium (Boston/Nizza)-

Einleitend stellte Herr Dietl das World Wide Web Consortium vor ("eine internationale Organisation mit dem Auftrag, das Potential des World Wide Web auszuschöpfen"; gegründet 1995; Sitz: MIT (Amerika), INRIA (Europa); Keio University (Asien); fast 300 Mitglieder; ca. 50 Mitarbeiter (und fast 50 Sprachen); vier Domains: Architecture; User Interface; Web Accessibility; Technology & Society; technische Leitung: Tim Berners-Lee (Miterfinder des World Wide Web); URL: http://www.w3.org/.)

Im Anschluß daran erläuterte der Referent einzelne Aspekte des World Wide Web, des mittlerweile wichtigsten Dienstes des Internet. Das World Wide Web verbinde die verschiedensten Kulturräume zu einem globalen Dorf, was auch zahlreiche rechtliche Probleme aufwerfe. Das Internet ist im Unterschied zu den herkömmlichen Medien interaktiv; international und dezentral; insbesondere der Kulturraum und ebenso der Rechtsraum seien nicht mehr homogen. Während beispielsweise Veröffentlichungen zum Thema "Suizid" in Australien unerwünscht seien, sei dies in der Bundesrepublik Deutschland unproblematisch; andererseits fielen rechtsradikaleVeröffentlichungen in anderen Staaten im Gegensatz zur Bundesrepublick Deutschland auch erlaubt. Die zentrale Herausforderung sei dabei die Vereinbarkeit von Meinungsfreiheit und Jugendschutz. Eine Lösung dieses Problems böten Label-unterstützte Filtertechniken.

Anhand einer Grafik erläuterte Herr Dietl den technischen Hintergrund dieser Label-unterstützten Filtertechniken: Eine Filtersoftware entscheidet beim Abruf einer Web-Seite, ob der abgerufene Inhalt zugelassen werden soll. Den Inhalt des Filters können beispielsweise die Eltern konfigurieren, um dem Kind nur erwünschte Inhalte zukommen zu lassen. Ein Beispiel für einen Nachteil: Bilder können nur schwer selektiert werden (auch das Kriterium "Haut" funktioniere nicht, da damit beispielsweise alle Bilder von Stränden gefiltert würden). Der Referent erläuterte dann die verschiedenen Rollen im PICS-System (Platform for Internet Content Selection: http://www.w3.org/PICS/): 1. Rating-System: Kategorisierung; 2. Label-Zuweisung; 3. Label-Verteilung; 4. Filtersoftware erstellen; 5. Filterkriterien einstellen). Dabei stellte er einen Medienvergleich zwischen dem Rating bei herkömmlichen Medien und dem Internet an und problematisierte die kulturellen Unterschiede beim Rating.

Abschließend stellte Herr Dietl einen Blick in die Zukunft an (Resource Description Framework - RDF, URL: http://www.w3.org/RDF/): RDF erlaube eine bessere Unterstützung von Suchmaschinen; mit Positivlisten ließen sich die empfehlenswerten Inhalte besser auffinden. Wünschenswert sei auch eine bessere Kontextunterstützung bei der Filterung. Insgesamt gebe es für RDF ein breiteres Anwendungsspektrum; so sei beispielsweise die Aktualität von Web-Seiten überprüfbar.

Diskussion zum Referat:

Frage: Wie groß ist der geschätzte zeitliche Aufwand, um Internet-Seiten zu labeln?

Antwort: Das ist nicht genau abschätzbar. Man kommt dem Wachstum des Internet nicht hinterher. Wirksamer ist es, die Ersteller von Web-Seiten zu überzeugen, Labels zu erstellen.

Frage: Wie kann man sicherstellen, daß die Labels tatsächlich korrekt sind?

Antwort: Wenn Ersteller die Labels bestimmen, dann ist dem Mißbrauch zwar Tür und Tor geöffnet. Man kann allerdings die Labels signieren, womit man den Ersteller identifizieren kann. Auch kann man die Erstellung von Labels an zentrale Anbieter übertragen. Im übrigen ist auch der Marktmechanismus zu beachten: Verschiedene Anbieter konkurrieren um die besten Systeme.

Frage: Besteht ein Schutz vor dem bösartigen Anbieter?

Antwort: In erster Linie ist es dem Erziehungsberechtigten überlassen, die Labels zu bestimmen. Die Erziehungsberechtigten können hier eine Überwachungsfunktion ausüben.

Frage: Wie kann man eine stärkere internationale Homogenisierung der Labels erreichen?

Antwort: Das ist kein technisches Problem, sondern eine Frage der jeweiligen Label-Erstellung. Hier kann der Wettbewerb der verschiedenen Rating-Systeme Abhilfe schaffen.

Frage: Im Bereich des digitalen Fernsehen zeigen die Beispiele, daß die Eltern von der Bedienung der technischen Schutzsysteme zum Teil überfordert sind. Eltern muß das Know-How vermittelt werden. Gegebenenfalls muß die Komplexität des Systems reduziert werden.

Antwort: Man kann sich vorstellen, daß es Voreinstellungen - je nach Kulturraum - bei der Software gibt. Allerdings sind dabei die Grundrechte der Meinungs- und Informationsfreiheit zu beachten.

Frage: Sind die Systeme leicht zu beziehen?

Antwort: In die deutschen Versionen der beiden marktführenden Browser von Netscape und Microsoft sind diese Systeme bereits integriert.

Frage: Besteht durch PICS die Gefahr der Zensur?

Antwort: PICS erlaubt nichts, was nicht auch ohne PICS ginge.

Frage: Gibt es Ideen, ein Labeling für gewisse Chat-Seiten einzuführen?

Antwort: "Man kann nicht verhindern, das man am Telefon etwas Unanständiges gesagt bekommt." (Zitat) Im übrigen kann man Chat-Seiten als solche identifiziern, allerdings ist dabei keine inhaltliche Kontrolle möglich.

Frage: Problematisch ist, daß in den Schulen alte Versionen der Browser ohne PICS verwendet werden. Welche Möglichkeiten gibt es, nachträglich PICS zu installieren?

Antwort: Es gibt spezialisierte Software, d.h. separate Programme, von denen allerdings die meisten nicht PICS verwenden. Eine weitere Möglichkeit ist die Zwischenschaltung eines Gateways.

Frage: Ist eine Wortfilterung überhaupt brauchbar (Beispiel: Staat-sex-amen?)

Antwort: Wortfilterung wirft in der Tat Probleme auf.

 

Foto: Copyright 1998 Christoph Volz


Letzte Aktualisierung

18.04.2001

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